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LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum für
Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin
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Soziale Neuropsychiatrie und Evolutionäre Medizin

Die Forschungsabteilung für soziale Neuropsychiatrie und evolutionäre Medizin beschäftigt sich hauptsächlich mit der sozialen Kognition und ihrer Verflechtung mit sozialer Interaktion und interpersonellem Verhalten, vor allem auch mit nonverbalem Ausdrucksverhalten. Unter dem Begriff der sozialen Kognition sind ganz verschiedene kognitive und emotionale Prozesse subsumiert. Dazu zählt etwa die Fähigkeit, Gefühle in Gesichtsausdrücken, Körperhaltung oder der Stimme zu erkennen und zu interpretieren. Darüber hinaus gehört zur sozialen Kognition die Wahrnehmung zwischenmenschlicher Beziehungen, etwa Verwandtschaftsverhältnisse, sowie die Fähigkeit, sich eigene und die psychischen Vorgänge anderer Personen vergegenwärtigen zu können, etwa in Bezug auf Vermutungen, Annahmen, Wissen, Absichten, Wünsche und Gefühle. Diese, auch unter dem Stichwort „theory of mind oder „Mentalisierung  bekannt gewordene Fähigkeit ist bei vielen Formen psychischer Störungen vorübergehend oder ständig verändert. Ein verwandtes Forschungsgebiet befasst sich mit Einfühlung (Empathie), bei der es darum geht zu erfassen, wie stark Menschen mit psychischen Erkrankungen mit anderen mitfühlen, die einer schmerzliche Situation ausgesetzt sind.

Menschen, die Schwierigkeiten haben, Absichten, Wünsche oder Gefühle anderer Personen zu verstehen (etwa, weil sie Probleme haben, sich in die andere Person hinein zu versetzen oder einzufühlen) tendieren dazu, soziale Situationen zu missverstehen und verhalten sich daher manchmal anders, als es das Gegenüber erwarten würde. Dies kann zu erheblichen Konflikten führen, so dass es therapeutisch wichtig ist, derartige Störungen frühzeitig zu erkennen.

In der Forschung haben wir daher ein breites Spektrum von Tests entwickelt, die verschiedene Aspekte der sozialen Kognition beleuchten. Dazu gehören sowohl einfache Bildergeschichten, die soziale Interaktionen von zwei oder mehr Charakteren darstellen, als auch komplexere Paradigmen aus der Neuroökonomie. Mithilfe derartiger Tests kann man Aufschlüsse darüber erhalten, wie Menschen mit psychischen Erkrankungen auf Fairness bzw. Unfairness reagieren und inwieweit sie in der Lage sind, mit anderen zu kooperieren und auf Gegenseitigkeit basierendes Vertrauen aufzubauen. Unser Forschungsinteresse richtet sich auch darauf, wie soziale Kognition mit Bindungsstilen oder der Wirkung von körpereigenen Neuropeptiden wie Oxytozin interagiert und wie diese Vorgänge elektroenzephalografisch oder in der funktionellen Bildgebung abgebildet werden können.

Oxytozin ist ein körpereigenes Hormon, das für seine Verwendung in der Geburtshilfe bekannt ist. Seit einiger Zeit befassen sich Forscher vor allem auch mit der Wirkung von Oxytozin auf Empathie und Vertrauen, so dass diese Substanz auch großes Interesse hervorgerufen hat im Hinblick auf ihren möglichen therapeutischen Nutzen bei neuropsychiatrischen Störungen wie Autismus, Schizophrenien, oder Angsterkrankungen.

In diesem Zusammenhang beschäftigen wir uns auch mit der Wirkung von Oxytozin auf das nonverbale Ausdrucksverhalten von Patienten in klinischen Interviewsituationen.

Aktuelle Projekte

Im Mittelpunkt unserer ggw. Forschungsaktivitäten steht das Einfühlungsvermögen von Pat. mit psychischen Erkrankungen, das wir mit einem neu entworfenen Paradigma zur Empathie für Schmerz untersuchen. Dazu verwenden wir Bildmaterial, das Personen zeigt, die einen körperlichen oder psychischen Schmerz erleben. Aufgabe für Studienteilnehmer ist es, sich in die gezeigte Person hineinzuversetzen und anzugeben, wie stark der beobachtete Schmerz ist.  Zeitgleich messen wir die damit einhergehenden Aktivierungsmuster im Gehirn mit funktioneller Kernspintomografie und elektrophysiologische Korrelate mithilfe des EEG. Des Weiteren interessiert uns, welchen Einfluss genetische Faktoren und epigenetische Veränderungen auf die soziale Kognition haben.

In therapeutischer Hinsicht interessiert uns, inwieweit stationäre Psychotherapie Veränderungen von Mentalisierungsvorgängen und Bindungsstilen bewirken kann. Des Weiteren untersuchen wir das nonverbale Ausdrucksverhalten in therapeutischen Interaktionen (Kooperation mit Herrn Priv.-Doz. Dr. Fabian Ramseyer, Universität Bern).

Überdies untersuchen wir, inwieweit sich die Erzeugung von „sickness behaviour“, einem Zustand wie bei einem leichten grippalen Infekt, auf die soziale Interaktion und auf Stressparameter auswirkt. Dieser Zustand wird durch die Gabe von Lipopolysaccharid (LPS) erzeugt und klingt folgenlos nach wenigen Stunden wieder ab (Kooperation mit Prof. Harald Engler und Prof. Manfred Schedlowski, Universität Duisburg-Essen).

Einen weiteren Schwerpunkt unserer Aktivitäten bildet die Erforschung körperlicher Krankheiten bei Menschen mit psychischen Erkrankungen. Insbesondere interessieren wir uns für kardiovaskuläre Risiken und Stressverarbeitung bei jungen Menschen, die an einer sog. emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ leiden (Kooperation mit der Klinik für Kardiologie, Bergmannsheil Bochum; Prof. Andreas Mügge und Universitätskinderklinik am St Josef Hospital Bochum; Prof. Thomas Lücke). Außerdem untersuchen wir Zusammenhänge der Darmflora (Mikrobiota) mit psychischen Vorgängen (Kooperation mit dem Institut für Mikrobiologie; Prof. Sören Gatermann).

In Kooperation mit dem Institut für Anatomie (Prof. Carsten Theiß) untersuchen wir zudem die Ultrastruktur der von Economo Neurone an Gewebe von Patienten, die an einer psychotischen Störung gelitten haben. Die von Economo Neurone sind eine stammesgeschichtlich interessante Nervenzellart, die im Laufe der menschlichen Evolution erheblich an Größe und Dichte im sogenannten anterioren zingulären Kortex und der vorderen Inselregion zugenommen haben. Die von Economo Neurone sind funktionell möglicherweise an sehr komplexen kognitiven und emotionalen Prozessen beteiligt.

Die Forschung der Forschungsabteilung für soziale Neuropsychiatrie und evolutionäre Medizin ist theoretisch in einen breiteren interdisziplinären Kontext eingebettet, der versucht, evolutionäre Gesichtspunkte der menschlichen Stammesgeschichte in Bezug auf psychopathologische Zustände zu untersuchen. Dies erscheint auf den ersten Blick wenig logisch, da psychische Erkrankungen ja keinen Anpassungswert an sich haben. Wenn man jedoch psychische Erkrankungen als lediglich quantitativ, nicht aber qualitativ verschieden von psychischer Gesundheit versteht, wird verständlicher, wie Symptome, Syndrome oder Störungsbilder unter dem Blickwinkel ihrer stammesgeschichtlichen Entstehung analysiert werden können. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die verhaltensökologische Perspektive, die geeignet ist, individuelle (unbewusste) Verhaltensmuster besser zu verstehen und Vorhersagen zu machen über Zusammenhänge zwischen körperlichen und psychischen Erkrankungen.

 

Promotionsprojekte

Engemann, Luisa: Echokardiografie bei Patientinnen mit BPS (Kosing Stiftung)

NN: "Social distance" und Mimik bei BPS

Kern, Lisa: Endothelfunktion bei Patientinnen mit BPS (Kosing Stiftung)

Kocabas, Abdulhadi: Übertragungsphänomene bei Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung

Kokkelink, Lisa: 2D:4D bei Pat. mit Borderlinestörung

Maiß, Clara: Stressreagibilität bei BPS (Kosing Stiftung)

Otto, Benjamin: Allostatic load bei der Borderlinestörung

Plett, Olivia: tiergestützte Therapie

Rezaie, Hoda: Assortative mating bei Patientinnen mit BPS

Rössler, Hannah: Mikrobiom bei Patientinnen mit BPS

Wiesenfeller, Jana: Approach-avoidance bei Patientinnen mit BPS

 

Ggw. Forschungsförderung (2016-2019):

Fördereinrichtung Projekt-bezeichnung Dauer Mittel
FoRUM (RUB) Mikrobiom 2018-2019 37.220,- €
Georg E. und Marianne Kosing Stiftung Graduiertenkolleg 2018-2020 40.000,- €

 

 

 

 

 

 

 

Team

  • Professor Dr. med. Martin Brüne
  • Dr. rer. nat. Vera Flasbeck
  • Doktorandinnen und Doktoranden der Medizin, Psychologie und Biologie

Kooperationspartner

  • Prof. Robyn Langdon, Macquarie University, Sydney, Australien
  • Prof. Simone Shamay-Tsoory, Haifa University, Israel
  • PD Dr. med. Carsten Theiß, Institut für Anatomie, Ruhr-Universität Bochum
  • Priv.-Doz. Dr. Fabian Ramseyer, Universität Bern
  • Prof. Harald Engler und Prof. Manfred Schedlowski, Universität Duisburg-Essen
  •  Prof. Sören Gatermann, Institut für Mikrobiologie, Ruhr-Universität Bochum

Publikationen (Auswahl)

Bücher

Brüne M. Der unangepasste Mensch. Unsere Psyche und die blinden Flecke der Evolution. Klett-Cotta, 2020.

Brüne M, Schiefenhövel W (eds.) The Oxford Handbook of Evolutionary Medicine. Oxford University Press: Oxford, 2019.

Brüne M. Textbook of Evolutionary Psychiatry and Psychosomatic Medicine. The Origins of Psychopathology. 2nd edn. Oxford University Press: Oxford, 2016.

Zeitschriftenbeiträge (“peer-reviewed”)

Krause M, Theiß C, Brüne M. Ultrastructural alterations of von Economo neurons in the anterior cingulate cortex in schizophrenia. The Anatomical Record 300 (2017) 2017-2024.

Müller-Leinß J, Enzi B, Flasbeck V, Brüne M. Retaliation or selfishness? An rTMS investigation of the role of the dorsolateral prefrontal cortex in prosocial motives. Social Neuroscience 13 (2018) 701-709.

Kummrow M, Brüne M. Psychopathologies in captive non-human primates, and approaches to diagnosis and treatment. Journal of Zoo and Wildlife Medicine 49 (2018) 259-271.

Nettersheim J, Gerlach G, Herpertz S, Abed R, Figueredo AJ, Brüne M. Evolutionary psychology of eating disorders: An explorative study in patients with anorexia nervosa and bulimia nervosa. Frontiers in Psychology, section Evolutionary Psychology 9 (2018) Article 2122.

Flasbeck V, Moser D, Pakusch J, Kumsta R, Brüne M. The association between childhood maltreatment and empathic perspective taking is moderated by the 5-HTT linked polymorphic region. Another example of “differential susceptibility”. Public Library of Science One 14 (2019) e0226737.

Brüne M. Latent toxoplasmosis: host-parasite interaction and psychopathology. Evolution Medicine and Public Health (2019) 212-213.

Brüne M. Schizophrenia as parasitic behavior manipulation: Can we put together the pieces of an evolutionary puzzle? World Psychiatry 19 (2020) 119-120.

Ramseyer F, Ebert A, Roser P, Edel M-A, Tschacher W, Brüne M. Exploring nonverbal synchrony in Borderline Personality Disorder: A double-blind placebo-controlled study using oxytocin. British Journal of Clinical Psychology 59 (2020) 186-207.

Brüne M, Theiß C. Commentary on: “Host-parasite interaction associated with major mental illness”. Why we need integrative explanations based on evolutionary theory. Molecular Psychiatry 25 (2020) 2-3.

Claassen C, Langdon R, Brüne M. Recognition of social rule violation in “deficit syndrome” schizophrenia: A study using economic games. Frontiers in Psychiatry (in press).

Brüne M, Wilson D.R. Evolutionary perspectives on human behavior during the Coronavirus pandemic: insights from game theory. Evolution, Medicine and Public Health (in press).

Brüne M*, von Hein SM*, Claassen C, Hoffmann R, Saft C. Altered third-party punishment in Huntington’s disease: a study using neuroeconomic games. Brain and Behavior (in press).

Flasbeck V, Juckel G, Brüne M. Evidence for altered neural processing in patients with Borderline Personality Disorder: A review of event-related potential studies. Journal of Psychophysiology (in press).

Flasbeck V, Popkirov S, Ebert A, Brüne M. Altered interoception in patients with Borderline Personality Disorder: A study using heartbeat-evoked potentials. Borderline Personality Disorder and Emotion Dysregulation (in press).

Wiesenfeller J, Flasbeck V, Brown EC, Brüne M. Approach and avoidance behavior in female patients with borderline personality disorder. Frontiers in Behavioral Neuroscience, section Pathological Conditions (in press).

Bamberg C, Flasbeck V, Diop S, Brüne M. Ecology of cooperation: the influence of fasting and satiety on interpersonal trust. Social Neuroscience (in press).

Bamberg C, Flasbeck V, Juckel G, Brüne M. Loudness dependence of auditory evoked potentials, a marker of central serotonergic activity, is affected by fasting and selective uptake of food. Clinical EEG & Neuroscience (in press).

Flasbeck V, Brüne M. Association between childhood maltreatment, psychopathology and DNA methylation of genes involved in stress regulation: Evidence from a study in Borderline Personality Disorder. Public Library of Science One (in press).

Brüne M. Mental health and biological evolution: implications for psychiatry and psychosomatic medicine. Neuroforum (in press).